Der Japaner - "Schuften bis zum Tod" oder längst überholtes Vorurteil?

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    • Der Japaner - "Schuften bis zum Tod" oder längst überholtes Vorurteil?

      Immer wieder hört man im Bezug auf Japaner und deren Berufsleben das es sich bei ihnen um richtige "Workaholics" handelt. Dem ein oder anderen wird vielleicht auch schon einmal der Begriff Karoshi-Opfer (Leute die sich zu Tode arbeiten) zu Ohren gekommen sein. Lange Arbeitswochen, wenig Freizeit und kaum Urlaub wird den Japanern immer wieder nach gesagt. Aufgrund dieser Behauptungen informiere ich mich momentan ein wenig und wollte auch mal hier im Forum nachfragen was ihr über das Thema wisst.

      Nach bisher kurzer Recherche im Internet bin ich auf ein paar Sachen gestoßen. Vorweg als Quelle nutzte ich Zeitungen und andere Nachrichtendienste die mir bekannt sind und ich persönlich als relativ zuverlässig einschätzte. Wenn jemandem andere Zahlen etc. bekannt sind, gibt bescheid! :)

      Beginnen wir mit ein paar Zahlen auf die ich gestoßen bin.

      Ø Urlaub in Japan: 20 Tage pro Jahr
      Ø Arbeitswoche in Stunden: 40 Stunden pro Woche
      Ø Monatliches Gehalt (2015): 304 000 Yen (~2425 Euro).

      Im Bezug auf Freizeit sollten die Japaner also zumindest in der Theorie nicht allzu weit hinter uns sein. Die 40 Stunden Woche ist was ich gelesen habe sogar so im Gesetz verankert (bin mir aber nicht mehr ganz sicher bzw. muss ich dies nochmal nachschlagen). Wie es in der Praxis natürlich umgesetzt wird ist eine andere Frage.

      Ein weiterer sehr Interessanter Punkt auf den ich gestoßen bin, wurde in einem Interview mit einem deutschen der eine weile in Japan arbeitete erwähnt. Dieser schilderte, dass in dem Betrieb in dem er tätig war, die Empfangsdame zwar in der Theorie eine 40 Stunden Woche hatte, sie aber jeden Morgen schon über 1 Stunde vor Arbeitsbeginn im Betrieb war. Dies tat sie nur um vor dem Chef da zu sein und Ihm einen guten Morgen zu wünschen. Diese Geste war wohl eine Art Höflichkeitsform und generell war wohl die Mentalität so ausgerichtet, dass keiner vor dem Chef nachhause geht. So kamen zum einen längere Arbeitstage zu Stande aber anderer seits wurde die Produktivität dadurch nicht unbedingt höher.

      Jetzt würde mich interessieren was ihr zu dem Thema wisst? Habt ihr vielleicht sogar Bekannte in Japan die aus Erfahrung sprechen können? :)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Bariados/Johannes ()

    • Ich kenne mich nur im Sport mit Japanern aus - vor allem im Eiskunstlaufen (wie man an meinem Profilbild sehen kann :P )

      Statistisch trainieren Japaner und Asiaten im Allgemeinen sehr viel länger als Europäer. Nur ein Beispiel im aktuellen Eiskunstlauf der Herren:
      ESP Javier Fernandez (Olympia-Dritter): ca. 18 Stunden pro Woche
      JPN Shoma Uno (Olympia-Zweiter): ca. 30 Stunden pro Woche in der Off-Saison (etwas weniger in der Hauptsaison)
      CHN Boyang Jin (Olympia-Vierter): ca. 27 Stunden pro Woche

      Olympiasieger Yuzuru Hanyu (JPN) ist da eine kleine Ausnahme. Er wohnt derzeit mit seiner Mutter in Toronto und trainiert dort mit Javi zusammen, hat also auch ein Pensum von 17-18 Stunden pro Woche (wobei Yuzu am liebsten auch noch länger trainieren würde, wenn die Coaches es ihm nicht verbieten würden :D ).
      Es gab mal eine nette Doku in Spanien über das Training der beiden. Da konnte man sehen: während Javi noch gemütlich in Jacke mit Dosenkaffee reinspaziert ist, war Yuzu schon auf dem Eis und hat dreifache Axel zum Aufwärmen geübt :D

      Wer interessiert ist: ab 5:30 erzählen die Trainer Brian Orser und Tracy Wilson über das Training und die Mentalität der beiden (Englisch mit spanischen Untertiteln).



      Bariados/Johannes schrieb:

      Diese Geste war wohl eine Art Höflichkeitsform und generell war wohl die Mentalität so ausgerichtet, dass keiner vor dem Chef nachhause geht. So kamen zum einen längere Arbeitstage zu Stande aber anderer seits wurde die Produktivität dadurch nicht unbedingt höher.


      Jetzt würde mich interessieren was ihr zu dem Thema wisst? Habt ihr vielleicht sogar Bekannte in Japan die aus Erfahrung sprechen können? :)
      Laut Insiderberichten haut Yuzu sofort nach dem Training ab, während die Coaches, Javi und anderen Läufer noch da bleiben und quatschen. "Auf den Chef warten" - davon kann hier also keine Rede sein. Ich denke, das liegt aber auch daran, dass Yuzus Englisch nicht so Bombe ist und er generell eher der Typ Stubenhocker ist.

      Es gab von NHK TV eine Doku über Yuzurus Vorbereitung auf Olympia mit viel Einblick in den japanischen Sportleralltag (Japanisch mit englischen Untertiteln):

      WATCH IN MOTION PICTURES :oadmire:
    • In Japan zählt sture Anwesenheit mehr als die Qualität der eigentlichen Arbeit und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man vor dem Chef kommt und erst nach ihn nach Hause geht. Natürlich werden die Überstunden nicht bezahlt und vor lauter Angst treibt keiner seine Rechte ein, sonst findet man sich auf der Straße wieder und kann seine Familie nicht mehr ernähren. Japan verheizt sein eigenes Volk und das hat drastische Auswirkungen auf die Zukunft Landes. Die Zahl der Menschen geht zurück und die Gesellschaft wird immer älter. Junge Akademiker finden keine Arbeit und leben bis zum 30. Lebensalter oder noch länger bei den Eltern. Auf langer Sicht wird auch das Wirtschaftswachstum zurückgehen. Das traurige ist, dass sich diese Sklavenindustrie überhaupt nicht positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Die Wirtschaft stagniert eher und ihre Karoshi und Harakiri-Toten haben sie trotzdem. Das Land geht völlig den Bach runter. Sucht Mal auf youtube nach "japan karoshi doku". Ist zwar eine 18 Jahre alte Doku, aber sie erklärt alles und es hat sich jetzt bis zum Jahr 2018 absolut nichts geändert. Die Bevölkerung ist in den letzten acht Jahren von 128 Millionen auf 126 Millionen gesunken und im Jahr 2100 soll die Bevölkerung auf unter 100 Millionen sinken.
    • Rogue schrieb:

      In Japan zählt sture Anwesenheit mehr als die Qualität der eigentlichen Arbeit und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man vor dem Chef kommt und erst nach ihn nach Hause geht. Natürlich werden die Überstunden nicht bezahlt und vor lauter Angst treibt keiner seine Rechte ein, sonst findet man sich auf der Straße wieder und kann seine Familie nicht mehr ernähren. Japan verheizt sein eigenes Volk und das hat drastische Auswirkungen auf die Zukunft Landes.
      Wenn es aber schon ein so stark in der Gesellschaft verankertes Problem ist, wird es auch sehr schwer für die Politik dagegen zu lenken. Klar können sie in der Theorie eine 40 Stunden Woche plus genug Urlaub etc. haben. Wenn sie aber dann trotzdem aus Selbstverständlichkeit oder sogar Angst nicht auf ihr Recht bestehen, ist das ein schwerwiegendes Problem. :/
    • Bariados/Johannes schrieb:

      Rogue schrieb:

      In Japan zählt sture Anwesenheit mehr als die Qualität der eigentlichen Arbeit und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man vor dem Chef kommt und erst nach ihn nach Hause geht. Natürlich werden die Überstunden nicht bezahlt und vor lauter Angst treibt keiner seine Rechte ein, sonst findet man sich auf der Straße wieder und kann seine Familie nicht mehr ernähren. Japan verheizt sein eigenes Volk und das hat drastische Auswirkungen auf die Zukunft Landes.
      Wenn es aber schon ein so stark in der Gesellschaft verankertes Problem ist, wird es auch sehr schwer für die Politik dagegen zu lenken. Klar können sie in der Theorie eine 40 Stunden Woche plus genug Urlaub etc. haben. Wenn sie aber dann trotzdem aus Selbstverständlichkeit oder sogar Angst nicht auf ihr Recht bestehen, ist das ein schwerwiegendes Problem. :/
      Die 40-Stunden-Wochen ist nach meinem Kenntnisstand ja auch im Gesetz verankert und die Behörden führen unangekündigte Kontrollen durch, um die bereits abgeleistete Arbeit anhand von Arbeitsplänen zu kontrollieren, aber die Mitarbeiter werden angewiesen diese Pläne zu fälschen. So werden dann andere Zeiten für Beginn und Ende der Arbeit eingetragen und die Behörden können das nicht überprüfen. Zu diesem Thema haben sich viele Arbeiter anonym geäußert. Es hat sich nichts verändert.
    • Induktives Schließen ist ja bekanntlich immer problematisch und Einzelbeobachtungen oft nicht viel wert, aber aus eigener Erfahrung: ein paar Bekannte haben ein technische Praktika oder Auslandsjahre in Japan, genauer: in Tokyo, verbracht. Alle meinen, in den Labors läuft es folgend ab: die Leute sind da, bevor der Laborleiter erscheint, und gehen auch erst nach ihm nach Hause - also genau, wie ihr gesagt habt.
      Der Arbeitsvertrag lief ganz klassisch, also zwischen 30 und 40 Wochenstunden, varrierte je nach Studienabschnitt. Während also meine Bekannten oft um 18 Uhr Feierabend machen wollten (und es vertraglich auch tun hätten dürfen), blieben ihre japanischen KollegInnen noch im Büro, manchmal bis 20-21 Uhr. Ein wenig pervers: Oft kam der Chef erst um 17 Uhr, weil er bei Besprechungen oÄ war, und blieb dann natürlich länger. Die Produktivität stieg nicht, denn einige der japanischen KollegInnen schliefen dann teilweise im Labor zwischen den Experimenten, wenn gerade keine leitende Person anwesend war. Die ersten Monate waren alle meine (europäischen) Bekannten relativ deprimiert - auf der einen Seite fiel es ihnen schwer, so lange im Büro zu bleiben (und dabei relativ wenig vorwärtszubringen), gleichzeitig wollten sie nicht als einzige nach Hause gehen. Letztlich hat dann aber jeder entschieden, Feierabend zu machen und darauf zu pfeifen, was andere denken.
      Übrigens meinte ebenfalls jeder, dass es nicht wirklich üblich ist, über die Arbeit freundschaftliche Kontakte zu knüpfen, auf ein Bier zu gehen oder ähnliches. Arbeit wurde im Labor anscheinend strikt vom Privaten getrennt.

      Ich will noch mal betonen, dass es hier um wenige Einzelbeobachtungen gilt. Generell kann ich mir aber vorstellen, dass Begriffe wie Individuum und Pflicht in der japanischen Gesellschaft ganz anders beladen sind und eine ganz andere Geschichte haben als in unserer (westlichen) Gesellschaft. Während hier das Individuum sich verwirklichen möchte und die Arbeit oft nur als Mittel zum Zweck dient oder versucht wird, eine maßgeschneiderte Arbeit zu finden, ist das in vielen Kulturen dieser Welt ganz anders - und in der japanischen wird das wohl auch so sein. Ob das gut oder schlecht ist, kommt wohl auf die Perspektive an. Dass Japan demografische Probleme hat, weil immer weniger Kinder geboren werden bzw. weniger Leute heiraten, ist mittlerweile Gegenstand einiger Berichte (obwohl das Land bereits versucht, aktiv dagegen vorzugehen, mit Förderungen usw.). Was die Selbstmordrate angeht (die ja oft in Verbindung mit Arbeit steht - sei es Arbeitslosigkeit, Verschuldung, Burn-Out), die ja in den asiatischen Ländern bekanntlich immer so hoch sein soll, hier ein kleiner Vergleich: Nachdem Suizid tatsächlich ein sehr großes Problem in Japan war, v.a. seit wirtschaftlichen Krisen ab den 90ern, dürfte die Regierung recht gegengesteuert haben. Zurzeit liegt Japan auf Platz 26 (nach Wikipedia, Stand 2015) prozentual betrachtet, damit liegen Länder wie Litauen oder Ungarn vor Japan (die WHO liefert ähnliche Daten).
      Das sind die Daten und Infos, die ich habe, aber ich bin natürlich weder Soziologe noch Japanologe, also lass ich mich auch gern eines besseren belehren!
      Gekonnt ist gekonnt!
    • TakaakiMorofushi schrieb:

      Was die Selbstmordrate angeht (die ja oft in Verbindung mit Arbeit steht - sei es Arbeitslosigkeit, Verschuldung, Burn-Out), die ja in den asiatischen Ländern bekanntlich immer so hoch sein soll, hier ein kleiner Vergleich: Nachdem Suizid tatsächlich ein sehr großes Problem in Japan war, v.a. seit wirtschaftlichen Krisen ab den 90ern, dürfte die Regierung recht gegengesteuert haben. Zurzeit liegt Japan auf Platz 26 (nach Wikipedia, Stand 2015) prozentual betrachtet, damit liegen Länder wie Litauen oder Ungarn vor Japan (die WHO liefert ähnliche Daten).
      Das sind die Daten und Infos, die ich habe, aber ich bin natürlich weder Soziologe noch Japanologe, also lass ich mich auch gern eines besseren belehren!
      Der Unterschied ist halt, dass die Selbsmorde in Japan in einem direkten Zusammenhang mit der Arbeit stehen und das ist in anderen Ländern nur dann eher seltener der Fall. In der westlichen Welt begehen die Menschen auch dann Selbstmord, wenn sie viel Geld verdienen und auf der Arbeit nicht unter Druck stehen. DIe japanische Kultur unterscheidet sich halt extrem stark von der europäischen und da stehen andere Dinge im Fokus der Gesellschaft.
    • @TakaakiMorofushi Da deine Bekannten sich dann entschlossen doch zum "rechtmäßigen" Feierabend nachhause zu gehen, gehe ich mal davon aus das der Chef gar nicht unbedingt den Anspruch an seine Mitarbeiter stellt länger zu bleiben. Wird wohl auch von Firma zu Firma unterschiedlich sein oder er hat sie als "Auslandspraktikanten" einfach anders behandelt als die anderen Mitarbeiter. Schlussendlich ist es aber sehr schwer etwas zu verändern, wenn dieses "ich muss länger bleiben als der Chef" schon so tief in der Gesellschaftlichen Meinung verankert ist... das plötzliche umdenken wird auch nicht einfach von alleine kommen. :/
    • Bariados/Johannes schrieb:

      @TakaakiMorofushi Da deine Bekannten sich dann entschlossen doch zum "rechtmäßigen" Feierabend nachhause zu gehen, gehe ich mal davon aus das der Chef gar nicht unbedingt den Anspruch an seine Mitarbeiter stellt länger zu bleiben. Wird wohl auch von Firma zu Firma unterschiedlich sein oder er hat sie als "Auslandspraktikanten" einfach anders behandelt als die anderen Mitarbeiter. Schlussendlich ist es aber sehr schwer etwas zu verändern, wenn dieses "ich muss länger bleiben als der Chef" schon so tief in der Gesellschaftlichen Meinung verankert ist... das plötzliche umdenken wird auch nicht einfach von alleine kommen. :/
      Ich denke Mal, dass es diesen Anspruch seitens des Arbeitgebes auch offiziell garnicht gibt, aber inoffiziell schon. Du kannst natürlich pünktlich anfangen und pünktlich gehen, aber das wird sicher negative Konsequenzen haben. Bei den hier genannten Auslandspraktikanten wird das sicher eine Ausnahme sein, weil sie Ausländer sind und so oder so nur auf Zeit dort sind.